5 Fragen an...

…Lyrikerin und Herausgeberin Carolin Callies

Foto: (c) Thommy Mardo 2018

Carolin Callies ist Lyrikerin und Mitherausgeberin des aktuellen „Jahrbuchs der Lyrik 2021“. Sie wurde 1980 in Mannheim geboren und lebt in  Ladenburg bei Heidelberg. Carolin Callies ist ausgebildete Verlagsbuchhändlerin und studierte Germanistik und Medienwissenschaften in Mannheim. 2015 erschien ihr erster Gedichtband fünf sinne & nur ein besteckkasten, 2019 folgte der zweite Gedichtband schatullen & bredouillen  (den ich morgen noch in meiner Themenwoche „Lyrik heute“ vorstellen werde). Außerdem moderiert sie den Podcast Flausen des Literaturhauses Stuttgart.

Liebe Carolin, vielen Dank dass du dir Zeit für ein paar Fragen nimmst!

1. Was bedeutet Lyrik für dich und welchen Stellenwert nimmt sie in deinem Leben ein?

Lyrik hat mir als Jugendliche ein großes Fenster zur Welt aufgemacht. Mit ihr wurde mir deutlich, was Sprache sein kann, was Sprache möglich macht, wie man auf die Welt und auch die eigenen Emotionen schauen und über sie sprechen kann. Lyrik war – und ist immer noch – ein Welttürenöffner, auch hin in scheinbar unmögliche oder paradoxe Welten. Mit ihr hat meine Liebe zur Literatur begonnen. Sie ist mir auch heute immer noch ein Erkenntnismoment – und nach Erkenntnis suche ich: in Menschen, in Gesprächen, in Büchern.

2. Gibt es einen „typischen“ Schreib-/Entstehungsprozess bei deinen Gedichten und wenn ja, wie sieht er aus?

Meistens habe ich unterwegs geschrieben – auf Zugfahrten oder auf Reisen, in der Bewegung oder an fremden Orten. Die Blickverschiebung, das Aus-dem-Alltag-heraustreten und Anders-auf-die-Dinge-schauen – das war für mich immer ein starker kreativer Impuls. Durch Corona ist das nun seit über einem Jahr eingeschränkt – und ich versuche, mir neue Rituale zu eigen zu machen, stärker auch am Schreibtisch ins Schreiben zu kommen, wo ich zuvor immer hauptsächlich die Gedichte überarbeitet habe. Aber immer gibt es von einem Text manchmal bis zu dreißig Versionen, bis er dann mal steht und für mich „fertig“ zu sein scheint.

3. Als Mitherausgeberin des Jahrbuchs für Lyrik 2021 hast du zusammen mit Christoph Buchwald die besten Gedichte des Jahres ausgewählt. Was waren für dich die wichtigsten Auswahlkriterien und wie schwer fiel es dir, dich zwischen den ganzen Gedichten zu entscheiden?

Da muss ich erst einmal ausholen: Erst einmal fand ich es eine wirklich große Ehre, diese Anthologie als Mitherausgeberin mit gestalten dürfen. Ich selbst habe lange Jahre eingesandt, bevor ich dann einmal selbst mit einem Gedicht dabei sein durfte – damals noch unpubliziert. Es ist wirklich eine Institution von Buch – ich kenne keine vergleichbare Anthologie, die sich seit so vielen Jahren hält und ein Panorama abbildet, was in der Gegenwartslyrik passiert.

Wir haben für diese Ausgabe fast 6.000 Gedichte zuschickt bekommen – das war schon eine ganze Menge! Ich lag zur Auswahl im letzten Sommer viel im fast leeren Schwimmbad  oder am Ostsee-Strand, immer mit Gedichten in der Tasche. Ein Sommer mit Taschen voller Gedichte also.

Man muss immer ein wenig einschränken, wenn es heißt: Das Jahrbuch versammelt die besten Gedichte eines Jahres. Es sind nicht zwingend die „besten“ Gedichte, sondern die – unserer Ansicht nach – gelungenen Gedichte, die uns geschickt wurden und die bis dahin unveröffentlicht sein mussten. Wenn also Lyriker*innen gerade einen neuen Band heraus gebracht hatten, schicken sie meist nichts ein. Oder Autor*innen kommen dem Aufruf nach Einsendung – aus unterschiedlichen Gründen – nicht nach. Das sind meist großartige Texte, die fehlen. Aber natürlich wird es dennoch jedes Jahr eine erstaunlich gute Auswahl, wie ich finde!

Ich habe mich, was die Auswahl angeht, ganz an das altgebrachte Schema von Christoph Buchwald gehalten, der das Jahrbuch seit Jahrzehnten herausgibt – und mit drei Ordern und Farben gearbeitet: grün für die Texte, die meiner Meinung nach unbedingt dabei sein sollten, gelb für die Texte, die man sich gemeinsam nochmals anschauen möchte, und rot für die Texte, die man nicht dabei sieht. Und anschließend haben wir unsere Ordner und Farben an einem Sommerwochenende in Düsseldorf abgeglichen – und so die Auswahl gefestigt.

Aber so eine Auswahl ist natürlich immer auch schmerzhaft: An manchen Texten schätzt man so viel – und einige Zeilen sind dann nicht so geglückt wie der Rest. Aber als Herausgeberin kann man schwerlich in ein Lektorat mit den Texten gehen, dazu fehlt die Zeit und dazu überzeugen dann doch auch wieder zu viele andere Texte. Und anderes ist sehr beglückend: Wenn einem ein Text entgegen leuchtet, einen umhaut;  wenn man eine neue junge Stimme entdeckt, die man noch gar nicht kennt. Das ist wirklich eine wahre Fundgrube!

4. Gibt es ein Gedicht, das dich in deinem Leben besonders beeinflusst oder berührt hat?

Oh, da gibt es unterschiedliche. Als Jugendliche haben mich die Gedichte von Else Lasker-Schüler oder Christa Reinig sehr beeindruckt und geprägt. Dazwischen sehr viel Friederike Mayröcker, Uljana Wolf, Nadja Küchenmeister, Ulrike Almut Sandig. Jüngst hat mich der Lyrikband von Nancy Hünger „4 Uhr kommt der Hund“ sehr und intensiv beschäftigt. Oder Raoul Schrott. Oder Ror Wolf. Das variiert. Und das ist ja auch das Beglückende: Man lernt immer Neues kennen – bzw. ältere Texte rücken wieder näher an einen heran, weil man sich in einer neuen Lebenssituation befindet.

5. Hast du einen Schreibtipp für jemanden, der sich selbst am Schreiben eines Gedichtes versuchen möchte?

Lesen! Für mich gehören Lesen und Schreiben zwingend zusammen. Das eine geht nicht ohne das andere. Es regt sich gegenseitig an. Und – nutze jede Art der möglichen Inpiration! Zum Beispiel: Gehe ins Museum, setze Dich vor ein Gemälde – und schreibe! Es wird Dich in Bewegung bringen!

Hier gehts zur Leseprobe von Carolin Callies Gedichtband schatullen & bredouillen

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