Literaturpreise,  Rezension

#DEBÜTPREISBLOGGEN 4/5 – WIR VERLASSENEN KINDER VON LUCIA LEIDENFROST

„Wir umarmen uns zum Abschied, stecken nach der Umarmung unsere Hände in die Hosentaschen, als würden wir so die Berührung von Mutters Rücken und Vaters Schultern in den Händen behalten können. Wir spüren noch den Druck ihrer Körper auf unserer Brust. Jetzt steigen sie ins Auto, jetzt startet der Motor, jetzt fahren sie los.“

Lucia Leidenfrosts Romandebüt „Wir verlassenen Kinder“ schlägt einen düsteren, einsamen Ton an. Wir befinden uns in einem kleinen Dorf – wo und wann, das wissen wir nicht -, das nach und nach ausstirbt. Die Eltern gehen fort, suchen in der Stadt nach Arbeit, die es im Dorf nicht mehr gibt. Zurück bleiben die Alten und die Kinder, die nun keine richtigen Kinder mehr sind.

„Wir waren einmal echte Kinder. Jetzt stapeln wir Holz in unsere Öfen, suchen nach kleinen Holzstücken und Papier. […] Wir stellen Töpfe auf den Ofen. Wir kochen darin Suppen und Kartoffeln. […] Wir gehen nicht mehr in die Schule, seit der Lehrer fortgegangen ist.“

Ein Dorf voller Kinder, um die sich keiner kümmert und die auf sich selbst gestellt sind. Die ihre eigenen Regeln schaffen, wie es ihnen gefällt und diese durchsetzen, zur Not mit Gewalt. Die Kinder verschmelzen zu einer Masse, einem Körper, der sich durch die Gassen bewegt und jeden Winkel vereinnahmt, eine Masse, die keine Einzelgänger und Ausreißer duldet. Eine Diktatur der Kinder.

„Auf dem Weg hört Mila die Stimmen der anderen. Sie sieht den Haufen schon. Er bewegt sich sicher, zackig und immer in eine gemeinsame Richtung. Er hat tausend Arme und Beine, die nach ihr greifen.“

Mila ist die einzige Querdenkerin und hat in gewisser Weise noch Hoffnung für sich und die anderen. Sie will die Schule wiedereröffnen und den Kindern einen „normalen“ Alltag ermöglichen. Ob und wie das funktionieren soll, das weiß sie allerdings selbst nicht so genau.

Nicht verortet in Raum und Zeit, geschrieben in der unmittelbaren Gegenwartsform Präsens, könnte diese Geschichte oder besser diese Konstellation überall und immer passieren und das macht es so bedrohlich und präsent. Eine Handlung bzw. das Vorangehen einer Geschichte sind im Roman eher hintergründlich, im Vordergrund steht die Vermittlung des Zustands im Dorf und der Situation der Kinder und wie diese sich auf sie auswirkt. Für mich fehlte hier eine Tiefe der Handlung und der Figuren. Das mag beabsichtigt sein, da die Kinder verlassen und verloren sind und sich somit auch in ihnen eine innere Leere breit macht, trotzdem wirkte dieser Zustand auf mich monoton beim Lesen. Für mich war es daher eine sehr interessante Idee, die zum Teil gestalterisch sehr stark umgesetzt war, zum Teil aber nur an meiner emotional-literarischen Oberfläche kratzte.

Eine düstere Dystopie, die zeigt, wie sich Gewalt und Diktatur einen Weg in die Herzen von Kindern bahnt. Eins ist sicher: Ich hatte noch nie so viel Angst vor Kindern wie in diesem Roman.

Erschienen im Kremayr & Scheriau Verlag

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Zur Autorin:


Lucia Leidenfrost wurde 1990 in Oberösterreich geboren und studierte Germanistik, Skandinavistik und Germanistische Linguistik. Sie wohnt in Mannheim, wo sie das Kollektiv für Junge Literatur Mannheim gegründet hat. Sie erhielt bereits mehrere Stipendien und veröffentlichte 2017 einen Prosaband.

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