Literaturpreise,  Rezension

#debütpreisbloggen 1/5 – Hawaii von Cihan Acar

*Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Hanser Berlin Verlag zur Verfügung gestellt.

„Schieb keine Filme, Kemal. Du kennst die Stadt, die Stadt kennt dich. Ihr müsst nur wieder zueinanderfinden, dauert halt manchmal etwas länger. Das wird schon.“

Zwei Tage und drei Nächte in den Straßen von Heilbronn: Kemal Arslan ist ehemaliger Fussballprofi. Aufgrund einer Verletzung bei einem Autounfall musste er seine Karriere frühzeitig beenden. Ohne Geld, ohne Job und ohne Perspektive steht er ratlos vor seinem Leben oder was davon übrig geblieben ist. Zurück in Hawaii, dem Problemviertel Heilbronns, wo Kemal aufgewachsen ist, begegnen ihm Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit voller Hoffnungen und Träume. Ein Suche nach dem Selbst, überschattet von Einsamkeit und Sehnsucht nach einem anderen Leben beginnt.

Der Glanz vergangener Zeiten

„Irgendwann hab ich es eingesehen. Den Januar aber, den musste ich wieder auf die Straße bekommen. In alter Stärke, in neuem Glanz. Das hatte ich mir geschworen.“

Kemal fährt einen Jaguar, bzw. würde ihn fahren, wäre da nicht der Totalschaden vom Unfall, bei dem Kemal sich das Bein so verletzt hatte, dass er nie wieder Fussball spielen kann. Geld für die Reparatur seines Jaguars hat er nicht, trotzdem lässt er ihn in einer angemieteten Tiefgarage stehen. Als Symbol einer vergangenen Zeit, von der er sich nicht lösen kann, staubt der Wagen langsam zu. Jede Woche besucht Kemal ihn und verspricht ihm eine baldige Reparatur. Das Auto antwortet ihm auch, klagt über seinen Zustand und wird so zum Reflektor von Kemals innerem Gefühlszustand:

„Dafür wurde ich nicht gebaut! Ich will endlich raus hier, will den Asphalt spüren und den Wind und die Geschwindigkeit. Ich will, dass sich Leute nach mir umdrehen.“

Zwischen den Zeiten, zwischen den Zeilen

Ohne Abschluss keinen Neuanfang und so ist Kemal gefangen in einer Zeit der Vergangenheit. Er hängt seinen geplatzten Träumen hinterher und lebt an der Gegenwart vorbei. Oft wirkt er teilnahmslos, ergreift selten die Initiative und geht, wohin es ihn gerade zieht. Dieser luftleere Raum zwischen einer Vergangenheit, die man nicht hinter sich lassen kann und einer Zukunft, die noch in zu weiter Ferne ist, entfaltet sich in Cihan Acars Debütroman auf eine Art, die wirkt und doch eher unterschwellig mitschwingt. Der Protagonist ist still und der Roman beginnt langsam, lässt dem Lesenden Raum zum Ankommen. Ich war bei Kemal, hab mit ihm gefühlt und ihn ein Wochenende auf seinem Weg begleitet, wohin auch immer der führt… Gegen Ende nahm die Handlung dann an Fahrt auf, was für mich nicht wirklich zum Roman passen wollte. Er hätte es nicht gebraucht, zu mir sprach er in der Stille lauter.

Erschienen im Hanser Verlag.

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Zum Autor:

Cihan Acar wurde 1986 geboren und studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg. Er lebt in Heilbronn, dem Schauplatz des Romans. Er  schrieb bereits zwei Sachbücher (über Hip-Hop und den Istanbuler Fußballclub Galatasaray).

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