Literaturpreise,  Rezension

#debütpreisbloggen 2/5 – Streulicht von Deniz Ohde

*Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Suhrkamp Verlag zur Verfügung gestellt.

„Ein verwinkeltes Straßensystem und ein eigener Buslinienverkehr für die Arbeiter verbinden die Fabriken untereinander, überirdische Röhrensysteme führen Gas und Flüssigkeiten, und Berge von Kohle werden im Sommer durch große Sprinkleranlagen vor Selbstentzündung geschützt. Bei Dunkelheit glüht der Park wie eine riesige gestrandete Untertasse, orangeweißes Streulicht erfüllt den Nachthimmel, gespeist von den Neonröhren, die jedes Stockwerk der Türme ausleuchten, und von den Markierungen der Schornsteinspitzen für den Flugverkehr, obwohl der Luftraum über dem Park gesperrt ist, denn bei einem Absturz droht eine Chemiekatastrophe.“

Am Rand dieses Industrieparks liegt ein Ort, hier ist die namenlose Ich-Erzählerin aus dem Roman „Streulicht“ von Deniz Ohde aufgewachsen und hierher kehrt sie nun zurück, um die Hochzeit ihrer zwei besten Freunde zu feiern. Aber schon beim Betreten des Ortes verändert sie sich, ihr Gesicht versteinert, „eine ängstliche Teilnahmslosigkeit“ macht sich in ihr breit, die sie unsichtbar vor den Augen der anderen Bewohnern machen soll. Denn die Erinnerungen an ihren Heimatort sind geprägt von Gewalt, Diskriminierung und einer unsichtbaren Wand, die sie durch ihre soziale und kulturelle Herkunft von den anderen Kindern abgrenzt. Ihr Vater war sein Leben lang ein einfacher Fabrikarbeiter und kümmert sich nicht um seine Familie, ihre Mutter kommt aus der Türkei und geht eines Tages einfach durch die Haustür fort, als ihr alles zu viel wurde.

„Sei still“ und „Sprich lauter“, zwei Forderungen, die die junge Ich-Erzählerin ständig begleiten und widersprüchlicher nicht sein könnten: Zuhause möglichst unauffällig und still verhalten, denn der Vater trinkt und wirft mit Aschenbechern um sich, wenn er wütend wird. Lauter sprechen, aktiver sein, sich einbringen: Das sind hingegen die Forderungen ihrer Lehrer*innen in der Schule an sie. Das Resultat: Überforderung und eine junge Frau, die sich nirgends zugehörig fühlen kann.

„Das bildest du dir ein“

„Sophia und ihre Freundinnen trugen ihre Adidas-Basketballschuhe, ich die nachgemachten von Victory, und immer wenn ich beim Tabu-Spiel ´Ding´ sagte, weil mir kein Synonym einfiel, drückten sie auf das quietschende Luftkissen, obwohl ´Ding´ nicht auf der Karte der verbotenen Wörter stand.“

Hämische Blicke, subtile Worte und Gesten – Die Ich-Erzählerin muss alles ertragen. Widerspruch zwecklos: „Das bildest du dir ein“, sagte Sophia. Sie nähme die Dinge einfach zu persönlich. Man kennt ihren Namen nicht und erfährt ihn auch nicht (man weiß nur, dass ein i drin vorkommt). Die Anonymität der Ich-Erzählerin wirkt wie ein Schutzwall, nicht nur auf ihre Mitschüler*innen, sondern auch auf die Leser*innen. Sie benutzt lieber ihren zweiten „deutschen“ Namen, denn der andere Name klingt türkisch und führt bei ihren Mitmenschen zu Diskriminierungen und Vorurteile über sie. „Es war ein geheimer Name, dessen Klang mich in der Außenwelt in Schmutz verwandelt hätte.“

„Sie kaufte Sophia zum Schulbeginn einen pinken Scout-Ranzen, auf dem zwischen Blumenbouquets verschiedene Mädchennamen standen, neben Anna, Julia, Sabrina, Sandra und Sophia, in runden weißen Lettern, und ich wollte den gleichen haben, obwohl mein Name nicht dabei war, wie er nie irgendwo dabei war, nicht bei den Schlüsselanhängern und Nummernschildern aus dem Kaufhaus, nicht mal bei den Namenstassen, die mein Großvater für jedes Familienmitglied im Schrank stehen hatte.“

Aber die junge Ich-Erzählerin hat ein Ziel: Sie will studieren, fasst nach ihrem Schulabbruch erneut neuen Mut und holt das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach, sodass der Weg frei ist für ein Studium. Aber auch hier begegnet ihr Diskriminierung und so wird sie aufgrund ihres ausländischen Vornamens von der Dozentin wie selbstverständlich für eine Austauschstudentin gehalten.

Gestreutes Licht

Ein Roman, der zeigt, wie tief unsere Herkunft in unseren Lebensweg einschneidet und wie schwer es ist, Ungleichheiten zu überwinden. Man fühlt und leidet mit der Ich-Erzählerin mit und wünscht sich, sie würde endlich einmal lautstark protestieren, gleichzeitig fällt einem ein, wie schwierig und aussichtslos das in ihrer Situation auf sie wirken muss. “Streulicht” beschreibt Licht, das durch Grenzen und Barrieren gebrochen und geteilt wird und so wie das Sonnenlicht im Heimatort der Ich-Erzählerin von den Abgasen und dem Staub der Fabriken tausendfach gebrochen wird, so wird auch die junge Frau von zahlreichen, auf dem ersten Blick fast unsichtbaren Barrieren und Grenzen geteilt.

Erschienen im Suhrkamp Verlag.

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Zur Autorin:


Deniz Ohde wurde 1988 in Frankfurt am Main geboren und studierte Germanistik in Leipzig. Für ihren Debütroman bekam sie bereits mehrere Preise und stand dieses Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

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