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Debütpreiscountdown 3: „Die Aufdrängung“ von Ariane Koch

„Der Gast war Neuland, tauchte aus dem Nichts auf. Er stieg aus dem Zug, schwenkte seine Koffer, und so trafen sich unsere Blicke.“

„Die Aufdrängung“ von Ariane Koch, S. 8

Plot:

In Ariane Kochs Debüt „Die Aufdrängung“ geht es um Gastlichkeit. Um Gastsein und Gastgeben und die Beziehung zwischen Gast und Gastgeber. Eine junge Frau in einer schweizerischen Kleinstadt nimmt einen jungen Mann bei sich auf. Der Mann spricht eine fremde Sprache und spricht allgemein sehr wenig. Man erfährt kaum etwas über ihn, dafür aber einiges mehr über das Wesen der Gastgeberin. Sie wandelt sich im Laufe des Romans von der freundlichen Gastgeberin mehr und mehr zur kuriosen Haustyrannin, die ihren Gast kontrolliert und ihm allerlei Regeln vorschreibt, die so weit gehen, dass man sich zwischendurch schon fragen muss, ob der Gast überhaupt ein Mensch oder nicht doch eher ein Tier ist. Sowieso bleibt einiges unklar oder entwickelt sich zum Unklaren im Roman. So weiß man nicht einmal den Namen der Ich-Erzählerin, noch ob und was sie arbeitet und warum ihre Eltern sie scheinbar in diesem Haus zurückgelassen haben. Auch ist es nicht ganz klar, inwiefern die Hauherrin zur Tyrannin wird oder der Gast die Gastgeberin durch sein Nicht-Gehen-Wollen tyrannisiert. Auch die Beziehung der beiden zueinander bleibt ungewiss.

„Mit dem Gast stimmt etwas nicht. Also ich weiß, dass mit ihm nichts stimmt. Dass nichts an ihm weder zusammenpasst noch zueinander gehört, dass er eine Ansammlung von Puzzleteilen aus verschiedenen Puzzlespielen ist, dass seine Glieder wie von unterschiedlichen Gestalten aus unterschiedlichen Epochen zu stammen scheinen, welche zusammengenäht oder zusammengeklebt sind, und er aussieht wie ein Kuriositätenkabinett.“

„Die Aufdrängung“ Ariane Koch, S. 48

Meine Bewertung:

Hervorzuheben sind in Ariane Kochs Debüt meiner Meinung nach besonders die feinen Sprachbilder, die sie entwirft (siehe Zitat oben). Letztendlich muss ich aber sagen, dass trotz dieser wirklich kunstvoll gemachten Sprachschnipsel das Ganze doch kein vollständiges Bild für mich ergibt. Der Roman hält sich sehr lange auf, man hat nicht wirklich das Gefühlt, dass es vorangeht und es entspinnt sich keine wirkliche Handlung. Das wäre weniger schlimm, wenn die einzelnen Elemente des Romans wenigstens schlüssig ineinandergreifen würden oder sie sich auf eine metaphorische Ebene letztendlich zusammenfügen, aber das tun sie für mich leider nicht. Da wären zum Beispiel die Staubsaugerrüssel. Ja, richtig gelesen. Es gibt in dem Haus einen Raum voll mit alten und ausgedienten Staubsaugern, deren Rüssel des Nachts lebendig werden und den Gast betatschen. Klingt komisch, ist es auch. An sich fände ich das Motiv interessant, aber es fügt sich irgendwie nicht in den Roman und ist für mich auch zu plakativ und häufig positioniert. Ab spätestens der Hälfte des Romans habe ich schon genervt die Augen verdreht, sobald ich das Wort „Staubsaugerrüssel“ gelesen habe. Auch aus der Symbolik werde ich nicht ganz schlau, falls die Rüssel etwas bedeuten sollen. Ich muss aber sagen, dass es auf mich eher so wirkte, als wolle die Autorin unbedingt ein phantastisches Moment in den Roman einfügen, was dann aber ohne tiefere Bedeutung ins Leere läuft.

Alles in allem:

  • fein entworfene Sprachbilder
  • nervige Staubsaugerrüssel
  • der Roman hält sich sehr lange auf und ist daher nur bedingt von mir zu empfehlen

P.S.: Noch etwas, das mir gar nicht gefallen hat: Im Klappentext steht, dass die Gastgeberin, nachdem der Gast endlich gegangen ist, „selbst, wieder allein, eine lang ersehnte Reise antritt und nun ihrerseits zur Gästin wird“ (Klappentext, Ariane Koch, „Die Aufdrängung“). Das passiert aber erst ganz am Ende auf den letzten paar Seiten und ich bin kein Fan davon, das Ende des Roman vor dem Anfang zu spoilern…

Wer von meiner Rezension nicht allzu abgeschreckt ist und trotzdem Mal einen Blick in den Roman werfen möchte, der gelangt hier zur Leseprobe des Verlags.

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