Rezension

Kurt Fleisch: Aibohphobia – Die Angst vorm Palindrom

Ein Palindrom (aus dem Altgriechischen „rückwärts laufend“) ist ein Wort, das man von vorne nach hinten wie auch von hinten nach vorne gleich lesen kann, wie zum Beispiel ABBA, Reittier oder auch das Wort Aibohphobia. Es gibt Leute, die krankhafte Angst vor Palindromen haben, weil sie die symmetrische Anordnung der Zeichen für böse Ohmen halten (Dass man diese psychische Störung selbst mit dem Palindrom „Aibohphobia“ bezeichnet, finde ich persönlich etwas makaber, da die Betroffenen somit ja auch Angst vor dem Namen ihrer Krankheit haben, aber naja…). Aibohphobia, die Angst vor Palindromen. Und zugleich Titel von Kurt Fleischs Debütroman.

Den Titel des Romans „Aibohphobia“ kann man vorwärts wie rückwärts lesen (ein sogenanntes Palindrom).
– Das Buch wurde mir kostenfrei als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt –

Lieber Herr S.,

Ihre fehlende Krankheitseinsicht seit meinem Verschwinden ist tatsächlich ein neues Phänomen Ihrer Pathologie, das nur als schwere, äußerst akute Psychose diagnostiziert werden kann und die mich folgerichtig auf die Dringlichkeit meiner Rückkehr nach Wien hinweist, um Ihnen beizustehen.

[…] Ihr behandelnder, in Bälde dienstbereiter Arzt,

Herr H.

Kurt Fleisch: Aibohphobia, S. 105

Briefe vom Psychiater an den Patienten – oder umgekehrt?

Kurt Fleischers Debütroman „Aibohphobia“ besteht zur Gänze aus Briefen eines ominösen Psychiaters Herrn Dr. H. an seinen ebenso ominösen Patienten Herrn S., zu dem er neben seiner Funktion als Arzt ein freundschaftliches Briefverhältnis führt. Dabei liest man stets nur die Briefe des Psychiaters, nie aber die Antworten seines Patienten, sodass man sich im Laufe des Romans mit zunehmender Schrägheit der Inhalte fragt, ob Herr H. überhaupt der ist, der er vorgibt zu sein. Nach und nach ist sich auch der Briefeschreiber selbst nicht mehr sicher, wer er ist, bis das Verwirrspiel schließlich palindrom’sche Ausmaße annimmt (siehe Titel).

„Gewiss deutet Ihre Frage, verkehrter Herr S., wann ich denn nach Wien zurückkehren könne, damit Sie mich ‚ärztlich behandeln‘, wie Sie, lieber Herr S., schreiben, auf Ihren manifesten Wunsch hin, umgekehrt von mir ärztlich behandelt zu werden.“

Kurt Fleisch: Aibohphobia, S. 105

Palindrom’sches Verwirrspiel um Identität und Zeit

Ohne zu viel vom Ende verraten zu wollen kann man sagen, dass der ganze Roman nach und nach die Form eines Palindroms annimmt. Wie bereits gesagt bezeichnet ein Palindrom eine Buchstabenreihenfolge, die sich vorwärts wie rückwärts gleich liest. Dieses Phänomen lässt sich letztendlich auf den gesamten Roman anwenden: Durch die zunehmende Ungewissheit, über die Umkehr bis zur Auflösung von Schreiber und Empfänger nähert sich der Roman gegen Ende erneut seinem Anfang zu.

Ich muss zugeben, dass ich im ersten Moment etwas enttäuscht war, als ich gemerkt habe, dass der komplette Roman nur aus Briefen besteht. Und dann auch nur die eine Seite der Briefe, ohne je eine Antwort zu lesen. Aber nach der ersten Verwirrtheit hat mich der Roman vollends abgeholt. Die Wendung des Romans in Kombination mit seinem Titel ist genial. Verrückt, aber genial. So wie auch das ganze Buch stets auf einem schmalen Grad zwischen Verrücktheit und Genialität wandert. Man muss sich dem Verwirrspiel hingeben. Und vielleicht ein bisschen darüber nachdenken. Oder die uneindeutigen Tatsachen hinnehmen wie sie sind oder eben nicht sind.

Interessiert? Hier gehts zur Leseprobe des Verlags.

Hey und willkommen auf meinem Blog! Ich bin Sandra alias Frau Pastell, Buchbloggerin, Lektorin und Masterandin der Germanistik und Psychologie an der Universität Dortmund. Als Lektorin unterstütze ich dich beim Schreiben deiner Abschluss- oder Hausarbeit, korrigiere Rechtschreibung und Stil und gebe dir weitere Hilfestellung zum wissenschaftlichen Schreiben. Auf meinem Literaturblog Frau Pastell schreibe ich über meine Buchempfehlungen. Auch auf Instagram findest du mich unter dem Account @fraupastell. Ich bin gründungsinteressiert und nehme momentan an einem Gründungsprogramm zur Entwicklung einer eigenen Startup-Idee teil. Aktuell studiere ich im Master Deutsch, Psychologie und Bildungswissenschaften an der TU Dortmund und schreibe meine Masterarbeit zum Thema Literatur und Autorschaft im digitalen Zeitalter. Folge mir gerne auf Instagram oder LinkedIn und schaue für Wissenswertes und Themen aus der Literatur(-wissenschaft) regelmäßig in meinen Blog. Ich freu mich auf einen Austausch und eine Vernetzung mit dir!

Ein Kommentar

  • Mikka

    Huhu!

    Ooooh, das klingt gut! Das Hörbuch ist in meinem Bookbeat-Abo enthalten, aber ich hoffe noch darauf, dass die Onleihe es reinkriegt. 🙂 Das ist genau die Art von Buch, auf die ich stehe.

    LG,
    Mikka

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