Rezension

Leif Randt: Allegro Pastell – Selbstbetrachtungen in belangloser Ereignislosigkeit

„Seine innere Persönlichkeit spürte er besonders dann, wenn er einmal täglich die Augen schloss, um vorzugeben, dass er meditierte. Er hatte in den vergangenen elf Monaten zwar kein einziges Mal einen Zustand erreicht, den er als klassisch meditativ beschrieben hätte, weil er gar kein Interesse daran hatte, nicht nachzudenken, dennoch empfand er seine Meditationsversuche als wertvoll.“

Leif Randt, Allegro Pastell

Jerome Daimler ist Mitte 30, arbeitet als freier Webdesigner und wohnt im ehemaligen Haus seiner Eltern in Maintal. Er führt eine Fernbeziehung mit Tanja Arnheim aus Berlin, die kürzlich einen erfolgreichen Roman über Achtsamkeit und Virtual Reality geschrieben hat. In einer Welt zwischen realen Treffen und selbstreflexivem E-Mail-Austausch streben beide Hauptfiguren stets nach Selbstbeobachtung und Selbstoptimierung. So führt Tanja beispielsweise ein Rauschprotokoll, in welchem sie ihre exakte Gemütsverfassung nach Einnahme bestimmter Drogen beschreibt und ihrem Freund Jerome als Textnachrichten schickt: „Einnahme am Tresen. 14 Uhr 14. Angenehme Gleichgültigkeit. Fernwärme soon.“ Anstelle des für einen Drogenkonsum typischen Kontrollverlusts steht für Tanja hier die detaillierte und präzise Selbstbeobachtung im Vordergrund, die Droge dient lediglich als Mittel zum Zweck einer erweiterten Selbsterkenntnis.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom KiWi-Verlag zur Verfügung gestellt.

„Es stimmte schon, sie war selten hingerissen von Werken bildender oder darstellender Kunst, und von Literatur schon gar nicht. Aber sie sah darin kein Problem, im Gegenteil, es beruhigte sie viel eher, dass nichts wirklich toll war. Das wirklich gelungene Artefakt – vielleicht ein Video, wahrscheinlich ein Buch -, das würde sie, Tanja, eines Tages selbst herstellen.“



Behagliche Ereignislosigkeit

Fängt man zu lesen an, so merkt man schnell, dass der Großteil des Romans aus inneren Monologen der beiden Hauptfiguren besteht. Direkte Rede kommt selten vor, steht dann aber auffällig herausgerückt in kursiver Schrift. Als sei sie ein Fremdkörper, eine Unterbrechung der eigenen Gedankenströme. Eine kontinuierliche Handlung oder größere Ereignisse kommen im Roman nicht vor. Der Roman versteht sich eher als eine Art Spiegel der aktuellen Gesellschaft und inszeniert persönliche Gedanken und Probleme der eigenen Selbstwahrnehmung im Zentrum des Geschehens, bzw. Nicht-Geschehens. Eine behagliche Ereignislosigkeit, eine Wohlfühlblase, die nicht platzt und Figuren, die sich mehr um sich selbst kümmern als um alles andere. Der Roman trifft (fast) den aktuellen Zeitgeist, hätte COVID-19 ihm da keinen Strich durch die Rechnung gemacht. Trotzdem ist der Roman aktuell und spiegelt in Teilen immer noch unser aktuelles Leben wider und der Egozentrismus ist und bleibt wohl (zumindest vorerst) ein Merkmal unserer westlichen Gesellschaft. Und so passt auch der Romantitel hervorragend zur Atmosphäre: „Allegro” kommt aus dem Italienischen und bedeutet munter oder heiter und mit “Pastell” bezeichnet man zarte helle Farbtöne.

“Die ineinandergreifenden Pastelltöne wirkten weder kalt noch warm, wie ein Fiebertraum, der aber erstaunlich behaglich war.”



Reale und virtuelle Welten

Die digitale Welt spielt sowohl in Tanjas, wie auch in Jeromes Leben eine besondere Rolle. Jerome hält sich als Webdesigner bei der Arbeit hauptsächlich im digitalen Raum auf, Tanja ist seit ihrem Romanerfolg durch Social Media bekannt. Sie beide führen eine Fernbeziehungen, wobei sie einen großen Teil ihrer gemeinsamen Zeit nicht analog gemeinsam in körperlicher Nähe verbringen, sondern sich in vertrauten E-Mails und Textnachrichten virtuell näher kommen und dort ihre Vertrautheit genießen. Eine Trennung zwischen einer realen analogen Welt und einer irrealen digitalen Welt ist kaum mehr möglich, spielt sich die Beziehung der beiden Figuren doch hauptsächlich im Virtuellen ab. Die beiden Welten vermischen sich und zeigen, dass das Virtuelle längst realer Bestandteil unseres Lebens geworden ist und unsere Welt formt und verändert.

Selbstbetrachtungen und Kontrolle, behagliche Ereignislosigkeit und virtuelle Realität: Leif Randt vereint all diese Themen in seinem Roman und hält uns geschickt einen Spiegel vor die eigene Nase. Und wer nun sagt: „Das ist doch alles langweilig, es passiert ja überhaupt nichts wirklich Bedeutendes im Roman!“, der schaue sich doch einmal in seinem eigenen Leben um und frage sich, welche Themen und Gedanken den eigenen Alltag dominieren. Wann ist ein Leben erzählenswert und wer entscheidet, was erzählenswert ist? Die zugespitzte Gegenwärtigkeit in „Allegro Pastell“ erscheint mir zumindest realer als vieles andere.

Interessiert am Roman? Hier gehts zur Leseprobe

2 Kommentare

  • Silvia

    Hallo,
    ich befürchte ein Buch über mein Leben wäre sehr langweilig.
    Glückwunsch zum gelungenen Blogauftritt.
    Die Insta-Bibliothek finde ich besonders klasse.
    Hast du die Buchrücken alle selbst fotografiert? Sieht gut aus, fast wie ein richtiges Bücherregal.
    Viele Grüße
    Silvia

    • Frau Pastell

      Hallo Silvia,
      vielen Dank! Ja, die Buchrücken habe ich alle selber fotografiert und zugeschnitten. Das hat zwei Tage gedauert. 😀 Danach konnte ich aber gut mein Bücherregal neu sortieren, weil ja eh alle Bücher raus waren. 😉
      Liebe Grüße
      Sandra

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