Themenwoche

Lyrik heute

Herzlich Willkommen zur Themenwoche „Lyrik heute“! In dieser Woche dreht sich bei mir alles um Gedichte und ihre Rezeption in der aktuellen Zeit. Ich habe euch für diese Woche viele wunderschöne aktuelle Gedichte und Lyrikbände mitgebracht, es gibt natürlich auch einige Infos und Fakten zur Gattung Lyrik und Fachtexte zum Thema und ich habe sogar ein Interview mit der großartigen Lyrikerin und Mitherausgeberin des diesjährigen Jahrbuchs der Lyrik Carolin Callies für euch im Gepäck!

Und weil mich das Thema „Lyrik heute“ bei meinen Vorbereitungen selbst so begeistert und inspiriert hat, hänge ich noch eine zweite Woche an die Themenwoche dran, in der es kreativ wird und wir uns gemeinsam dem Schreiben von eigenen Gedichten (u.a. mit kleinen Schreibübungen) annähern. Ich mache auch mit und bin schon gespannt auf die Gedichte, die dabei entstehen!

Also: Diese Woche geht es um das LESEN von Lyrik heute (in der ich euch viele Lyrikbände vorstelle etc.) und nächste Woche wird es kreativ im zweiten Teil der Themenwoche: Lyrik heute SCHREIBEN.

Wenn ihr selbst etwas zum Thema posten wollt, dann nutzt den Hashtag #themenwochelyrikheute

Ich freue mich und läute die Woche heute mit einer Frage ein:

Wie ist euer Zugang zu Lyrik?

Lest ihr überhaupt Gedichte oder beschränken sich eure Erfahrungen mit lyrischen Werken auf die Gedichtanalysen in der Schule? Kommentiert gerne hier oder auf Instagram

P.S.: Habt ihr Fragen oder Schwierigkeiten im Umgang mit Gedichten (egal ob lesen oder selbst schreiben)? Wenn euch etwas besonders interessiert oder ihr euch schon immer etwas gefragt habt, dann schreibt eure Fragen/Probleme/Interessen gerne in die Kommentare und ich baue diese Infos in meine Themenwoche mit ein!

Wilde Iris – Gedichte der Literaturnobelpreisträgerin 2020 Louise Glück

Das erste Buch meiner Themenwoche „Lyrik heute“ ist eine Gedichtesammlung von Louise Glück. Louise Glück wurde 1943 in New York geboren und ist eine amerikanische Lyrikerin. In ihren Werken beschäftigt sie sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur, sowohl aus der Perspektive des Menschen, als auch der Natur. Ihre Gedichtsprache ist fließend und natürlich, ihre Verse frei und die Bedeutungen vielschichtig.

Im Gedichtband „Wilde Iris“, der unter dem Originaltitel „The Wild Iris“ bereits 1992 erschienen ist, geht es um genau diese Beziehung zwischen Mensch und Natur. 2008 (und als Neuauflage 2000) von Ulrike Draesler ins Deutsche übersetzt, erschien die Gedichtesammlung zweisprachig im Luchterhandverlag.

Aus dem Gedicht „Trillium“ / „Waldlilie“:

„I didn’t even know I felt grief

until that word came, until I felt

rain streaming from me.“

—————————————–

„Ich wusste nicht einmal, dass ich Trauer fühlte,

bis dieses Wort sich einstellte, bis ich Regen

fühlte, wie er von mir strömt.“

Durch den Titel nehmen wir die Perspektive einer Blume ein, aber die Empfindungen sind die eines Menschen. Lousie Glück verwebt beides ineinander. Wir stellen uns vor, wie Regen an den Blättern einer Lilie heruntertropft und gleichzeitig spüren wir die Berührung einer Träne auf unserer Wange. Wie das lyrische Ich erst merkt, dass es traurig ist, als es die Tränen spürt…

Im Zeilenumbruch „until I felt“ und „bis ich Regen“ (Vers 2) sieht man hier auch gut die unterschiedliche Benotung im Englischen und Deutschen: Im Originalvers liegt die Betonung auf dem „felt“, dem Fühlen des Regentropfens, durch den das Gefühl der Traurigkeit erst sichtbar wird. Im Deutschen liegt die Betonung dagegen eher auf dem „Regen“, der gefühlt wird. Das Übersetzen von Gedichten ist nie eins zu eins möglich, es ist eine Kunst für sich und hier gut gelungen. Positiv ist auch, dass man beide Fassungen des Gedichts vorliegen hat, so kann man auch den Klang der Originalsprache wahrnehmen.

Ein sehr schöner berührender Gedichtband, der durch die Natur eine neue Empfindsamkeit und ein neues Körperbewusstsein des Menschen schafft.

Hier gehts zur Leseprobe

Einladung zum Spazierenlesen


Ich bereite mir eine Tasse Kaffee zu, setze mich in meinen Sessel und schlage einen Gedichtband auf. Heute ist es das „Jahrbuch der Lyrik“, das jährlich erscheint und vielen verschiedenen bekannten und noch unbekannten Lyriker*innen eine Stimme gibt.

Aber wie lese ich ein Buch, das auf jeder Seite neu beginnt? Jedes Gedicht steht für sich allein, nimmt Raum in meinem Kopf und in meinem Herzen ein und braucht
Zeit.
Zu verstehen.
Zu fühlen.
Manche Worte berühren mich tief und lassen mich nicht mehr los, andere ziehen unbemerkt (oder unverstanden?) an mir vorbei.
Nicht schlimm…
Das Lesen von Gedichten ist kein Marathon und auch kein Sprint, es folgt keinem Ziel und erwartet nichts von mir.
Es ist ein Spaziergang.
Ein Spazierenlesen.

5 Fragen an…

(klicke aufs Foto, um zum 5-Fragen-Interview zu gelangen)

schatullen & bredouillen – Lyrik von Carolin Callies

„wir kultivieren wühlmäuse in fremden gärten
& gib mir kompost & ich tu das für dich & wenn das hier endet,
der tag blumig war voller falter & tafeln,
dann mach eine buchhandlung in salbei auf. ist längst ein versäumnis.
wie der wasserschlauch. soweit. whatever.“

aus dem Gedicht „neues blumenbuch“ von Carolin Callies

Carolin Callies Gedichts sind so völlig anders als die Gedichte, die ich sonst so lese. Das ist aufregend, aber auch schwierig. Die Sprache ist sehr verschlüsselt, man fühlt sich manchmal wie in einem Labyrinth, das sich ständig verändert. Ich mag die Atmosphäre, die Verknüpfung verschiedener Themen und die zahlreichen kreativen Wortneuschöpfungen. Oft stehe ich aber auch ratlos vor einem Gedicht und frage mich, ob das vielleicht so soll? Vielleicht muss man nicht immer alles deuten und verstehen…

Im Gedichtband geht es um Orte und ihrer Beschreibung, dem Abstecken und Verschieben von Grenzen verschiedenster Arten. Von der „landkarte von falun“ bis „manege frei fürs nackedei“, dieser Lyrikband ist so vielfältig wie abenteuerlich.

home body, zuhause in mir – Instapoetry von Rupi Kaur

aus dem Amerikanischen von Anna Julia Strüh und Christine Strüh

„wenn du darauf wartest
dass sie dir das gefühl geben genug zu sein
wirst du lange warten“

Rupi Kaur ist indisch-kanadische Lyrikerin. Auf Instagram folgen ihr über vier Millionen Menschen und ihre Lyriksammlung „milk & honey“ ist mit 3,5 Millionen verkauften Exemplaren der bestverkaufte Gedichtband ever (sie hat damit Homers Odyssee von Platz 1 abgelöst). Ein Popstar unter den aktuellen Lyriker*innen.

Aber was macht ihre Werke so erfolgreich? Ich habe ihr neues Werk „home body, zuhause in mir“ gelesen und folge Rupi Kaur auf Instagram und für mich sind es drei Dinge, die ihren Erfolg ausmachen:

  1. Kurzweilig: Rupi Kaurs Gedichte sind kurz und erscheinen einzeln auf ihrem Instagramkanal. Damit gibt sie jedem Gedicht Raum zur Entfaltung. Unser Lese- und Konsumverhalten hat sich in den letzten Jahren gewandelt und Rupi Kaur trifft mit ihrer #instapoetry den Nerv der Zeit. Wir sind häufig am Handy und unsere Lesezeit beschränkt sich längst nicht mehr auf das analoge Buch. Wir lesen in unseren sozialen Netzwerken. Und vor allem lesen wir kurz. Rupi Kaur greift alle diese Punkte auf, indem sie auf Instagram sehr kurze, schnell zu erfassende Gedichte schreibt, die uns mit wenigen Worten inspirieren und berühren:

“du hast es nicht verloren
das glück war immer da
– deine perspektive war nur verzerrt

2. Identifizierbar: Ihre Sprache ist oft einfach verständlich, viele Gedichte wirken wie Sprüche oder Lebensweisheiten. Das hat zwei Seiten: Auf der einen Seite verliert das Gedicht an Mehrdeutigkeit und Interpretationsspielraum, auf der anderen Seite wirkt diese Klarheit und Einfachheit der Gedichte auf uns sehr direkt, unverfälscht und vertraut. Wir finden uns in ihren Gedichten wieder:

„es ist einfach
die guten dinge an uns selbst zu lieben
aber echte selbstliebe bedeutet
die schwierigen teile anzunehmen
die in uns allen wohnen“

3. Nahbar: Rupi Kaur berichtet in ihren Gedichten von persönlichen Erfahrungen und lässt uns an ihrer Gedankenwelt teilhaben. Das macht sie menschlich und nahbar. Wir lesen nicht nur ihre Gedichte, wir lesen etwas von IHR:

„immer wieder rennt mein verstand in die dunkelsten
   ecken
und kommt mit gründen zurück
warum ich nicht genug bin“

Interessiert an Rupi Kaurs Gedichtband? Hier gehts zur Leseprobe
Und hier findet ihr Rupi Kaur auf Instagram.

Frauen | Lyrik

„Frauen | Lyrik“ ist eine Sammlung von über 500 Gedichten aus vier Jahrhunderten, die die weibliche Perspektive in den Fokus nimmt. Die Anthologie versammelt sowohl bekannte Gedichte der letzten (und des aktuellen) vier Jahrhunderte, sie zeigt aber auch nicht so bekannte Gedichte, die aber für die jeweilige Zeit chaarakteristisch waren und so den (oder eher einen) Zeitgeist widerspiegeln. Zudem findet man hier Gedichte mit besonderer emanzipatorischer Stärke. Aber nicht nur Frauen kommen zu Wort, sondern Menschen jedes (und keines) Geschlechts, die in ihren Gedichten die Sicht einer Frau einnehmen. Die Gedichte sind nach ihrem Entstehungsjahr sortiert, sodass sich beim Lesen auch Entwicklungstendenzen der deutschsprachigen Lyrik und ihres weiblichen Blicks zeigt. Zugleich sind die Werke mit Kategorien gekennzeichnet, so fällt das Einordnen der Gedichte leichter.

Ein aktuelles Gedicht, das mir besonders gefallen hat, ist das folgende:

frau sisyphus

waschecht und flexibel
robust wie ein reibfetzen
konstant
in der permanenz ihrer nützlichkeit
ich lobe die niegelobte
in anerkennung
ihrer aufopfernden blödheit
als abschreckbild
für töchter und enkelinnen

von Elfriede Gerstl, 21. Jh

Für mich zeigt es, dass man sich nicht in ein Korsett drücken und sich nicht für andere verbiegen sollte. Man muss nicht immer nur funktionieren und etwas für andere tun, um gut genug zu sein, man ist auch so gut genug, wie man ist. UND: Man sollte Träume haben und sie verwirklichen!

Interesse am Buch? Hier gibt es eine Leseprobe.

Im Laufe der Woche folgen hier weitere Beiträge zur Themenwoche, also schaut morgen noch einmal vorbei!

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