Themenwoche

Themenwoche Autobiographie & Fiktion

Diese Woche fand die Themenwoche Autobiographie und Fiktion auf meinem Instagramkanal statt. Hier sammel ich alle Beiträge, Fotos und Gedanken zur Woche in einem digitalen Album zum Schmökern, Inspirieren und Erinnern.

Was ist der Unterschied zwischen einer Biographie, einer Autobiographie und einer Autofiktion?

Biographie:

Eine Biographie beschreibt das Leben einer in der Regel bekannten Persönlichkeit. Zum Beispiel beschreibt Jens Andersen das Leben Astrid Lindgrens, einer bekannten Kinderbuchautorin.

Autobiographie:

Bei einer Autobiographie hingegen schreibt die Persönlichkeit selbst über ihr Leben. Megan Rapinoe schreibt in ihrer kürzlich erschienenen Autobiographie One Life über sich selbst. Das Ziel einer (Auto-)Biographie ist es, möglichst authentisch und wirklichkeitsgetreu das Erlebte wiederzugeben.

Autofiktion:

Anders verhält es sich bei einer Autofiktion. Eine Autofiktion ist ein Roman, eine literarische Verarbeitung von autobiographischen Erlebnissen. Sie zielt nicht auf eine möglichst wirklichkeitsnahe Darstellung der eigenen Person ab, sondern hat die literarische Gestaltung im Fokus. Deshalb muss der Autor/die Autorin auch keine bekannte Persönlichkeit sein, sondern kann auch durch den Roman erst bekannt werden.

Fakten und Fiktionen vermischen sich hier, sodass man den Autor/die Autorin nicht hundertprozentig mit der Romanfigur gleichsetzen kann. Autor und Figur gehen vielmehr ein Spannungsverhältnis ein, bei dem wir uns zwangsläufig fragen: Was ist Wahrheit? Und was ist Erfindung?

Hier gehts zum Video.

Megan Rapinoe: One Life, eine Autobiographie

“Es ist nicht leicht, sich aus der Deckung zu wagen, aber es lohnt sich. Ich glaube, niemand, der je den Mund aufgemacht, sich für etwas eingesetzt oder Mut bewiesen hat, hat das je bereut.”
_____ Megan Rapinoe, One Life

Das erste Buch meiner Themenwoche Autobiographie & Fiktion ist “One Life” von Megan Rapinoe. Gestern habe ich euch im Video den Unterschied zwischen Autobiographie und Autofiktion beschrieben und wir wandern in dieser Woche quasi auf dem Grad der Fiktion entlang:

real————————————->fiktiv

Das erste Buch der Woche ist noch sehr nah an der Realität, beim letzten Buch der Woche werden wir hingegen überhaupt nicht mehr unterscheiden können, was wahr und was erfunden ist…

Das Buch “One Life” von Megan Rapinoe ist eine Autobiographie. Rapinoe beschreibt ihr eigenes Leben, ihre Erfahrungen und Überzeugungen als bekannte amerikanische Fussballspielerin. Das Ziel des Buches ist es, ein möglichst authentisches und ehrliches Bild von Rapinoe zu zeichnen, sie will uns ihre Überzeugungen mitteilen und eine Botschaft zur Gleichberechtigung, Frauen- und LGBTQ-Rechte und Black Lives Matter senden.

Wir beschäftigen uns im Laufe der Woche mit weiteren Büchern, die auf dem Grad der Fiktion nicht so nah an der Realität sind. Nicht jedes Buch will einen möglichst hohen Wahrheitsgehalt haben wie z.B. diese Autobiographie, manche Werke spielen ganz bewusst mit der Realität und vermischen Fakten mit Fiktionen mit hohem literarischen Gehalt.

Megan Rapinoes Autobiographie hat mir übrigens sehr gut gefallen, obwohl ich kein großer Fussballfan bin. Trotzdem ist es faszinierend zu lesen, wie sehr sie für ihre Ziele auf und abseits des Platzes kämpft und wie viel sie für die Rechte anderer riskiert! Stichwort: Kniefall, Stichwort Trump -> “Ich gehe nicht in dieses beschissene Weiße Haus.”

Das Buch hat sie zusammen mit Emma Brockes geschrieben, ins Deutsche übersetzt wurde es von Elke Link, Andrea O’Brien und Jan Schönherr (und ja, Co-Autor*innen und Übersetzer*innen verdienen es ebenso genannt zu werden wie die Autorin).

Lindgren und Petković – Zwei Erzählungen mit autobiographischen Elementen

Es geht weiter mit unserer Themenwoche Autobiographie und Fiktion und wir verlassen den Bereich der klassischen Biographie und betreten das Gefilde der literarischen Erzählungen. 🌈

Ihr fragt euch bestimmt, was die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren mit der Tennisspielerin Andrea Petković zu tun hat (vielleicht fragt ihr euch auch einfach nur, was ich da für einen Kuchen esse 😅🤷🏼‍♀️)? Beide sind bekannte Persönlichkeiten und beide haben ein literarisches Werk über ihre Kindheit und ihre Herkunft geschrieben.

Ein Roman mit autobiographischen Elementen ist etwas anderes als eine Autobiographie. Eine Autobiographie soll das Leben einer Persönlichkeit daratellen, wir erfahren viel Privates und gehen als Leser*in davon aus, dass man dem Gesagten vertrauen kann. Das nennt man auch den autobiographischen Pakt zwischen Leser*in und Autor*in (vgl. Lejeune). Bei einem Roman sieht das anders aus: Wir tauchen in eine fiktive, ausgedachte Welt ein und erwarten nicht, dass das Geschehene in der Realität stattgefunden hat.

Der Roman “Das entschwundene Land” von Astrid Lindgren und die Erzählungen “Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht” von Andrea Petković enthalten autobiographische Elemente und liegen somit irgendwo zwischen Realität und Fiktion. Als Leser*in erwartet man, etwas Wahres von der Person zu erfahren, gleichzeitig erhebt man nicht den Anspruch, dass alles genau so passiert sein muss. Was wahr ist und was fiktiv, das bleibt meist verborgen. Der Fokus liegt nicht wie bei einer Autobiographie auf einer hohen Authentizität und Wahrheitsvermittlung, sondern auf der literarischen Gestaltung.

Beide Werke fand ich übrigens sehr schön zu lesen, als Astrid Lindgren Fan ist es sehr interessant, etwas über ihr Schreiben zu erfahren. Am Ende des Buches findet sich dazu ein ganzes Kapitel: “Wo kommen nur die Einfälle her?”. In Petkovićs Erzählungen begleiten wir die Tennisspielerin zwischen Ruhm und Nacht, hell und dunkel, auf ihrem Weg in den Spitzensport.

Unzuverlässliches Erinnern in Saša Stanišićs Autofiktion Herkunft

“Früher hatte Großmutter behauptet – da war ich zehn oder fünf oder sieben -, ich würde niemals täuschen und lügen, sondern immer nur übertreiben und erfinden.”

_____Saša Stanišić in Herkunft

Und damit Willkommen zu einem weiteren Beitrag in der Themenwoche Autobiographie und Fiktion. Von der Autobiographie über die Erzählung mit autobiographischen Elementen sind wir nun bei der Autofiktion angelangt. Hier möchte ich euch den Roman Herkunft von Saša Stanišić vorstellen.

In Herkunft geht Saša Stanišić auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit… und scheitert. Herkunft heißt sich erinnern und Erinnerungen sind immer ein Konstrukt unserer Gedanken. Wir formen und verformen, gewichten, färben, vergessen und füllen Lücken auf.

Saša Stanišić spielt mit der Realität und der Fiktion und zeigt, dass das Erinnern vielfältig, unzusammenhängend, lückenhaft und oft unzuverlässig ist.

Das Ganze findet seinen Höhepunkt im zweiten Teil des Romans, in dem man im “Choose your own Adventure”-Stil selbst entscheiden kann, wie die Geschichte endet. So wandelt sich das Ende stetig neu, je nachdem, welchen Weg der Lesende wählt.

Rafael Horzon – Autor oder Fiktion

So, wir sind schon beim letzten Buch der Themenwoche Autobiographie und Fiktion angelangt und der Autor Rafael Horzon legt hier nochmal ne Schüppe drauf, denn hier wird der Autor selbst zur Figur.

“Dann glaubt mir halt nicht. Das war ja schon beim Weissen Buch so, dass alles nur für Fiktion gehalten wurde. Dabei ist alles wahr. Es gibt sogar immer noch Leute, die Moebel Horzon für eine Fiktion halten. Und den Laden für eine Wirklichkeits-Simulation.”

______ Rafael Horzon, Das neue Buch

Er gibt sein Werk als absolut reine Wahrheit aus und belegt seine Geschichte mit einer entsprechenden Fotogalerie. Dass man als Leser*in hier ins Zweifeln kommt, liegt an der absolut verrückten Geschichte und der völlig überzeichneten Figur Rafael Horzon im Buch.

Soweit so gut, aber das besondere ist hier, dass der Autor diese Figur des Rafael Horzons auch über sein Buch hinaus in die Wirklichkeit trägt. Auf seinem Instagramaccount @rafael_horzon findet ihr einige Einblicke, zum Beispiel fotografiert er sich selbst mit verschiedenen Frisuren und rezensiert sein eigenes Buch. Gegen Wikipedia hat er sogar geklagt, weil er nicht als Künstler oder Schriftsteller bezeichnet werden will…

Man blickt nie durch, was wirklich hinter der Figur Horzon steckt, er bleibt in seiner Rolle und erhebt sich nie als Autor auf eine höhere Instanz, lässt nicht hinter die Kulissen schauen. So verschwimmt wie bei der Autofiktion Wahrheit und Fiktion, aber nicht nur auf der Ebene des Werkes, sondern auch im wirklichen Leben.

Der Autor formt das Werk, aber formt das Werk nicht auch den Autor? Insbesondere bei autofiktionalen Werken sind beide Instanzen untrennbar miteinander verknüpft und wirken aufeinander ein.

Eure Buchempfehlungen zum Thema Autobiographie und Fiktion

Zum Abschluss der Themenwoche Autobiographie und Fiktion habe ich hier nochmal eine Liste mit all euren Buchempfehlungen zum Thema gemacht. Ihr könnt auch gerne weitere Titel in den Kommentaren ergänzen oder etwas über die Bücher schreiben.

Eure Buchempfehlungen:
Die Ausgewanderten – W. G. Sebald
Becoming – Michele Obama
Permanent Record – Edward Snowden
Knausgards Werk
Alles zu seiner Zeit – Michail Gorbatschow
Außer Dienst – Helmut Schmidt
Ich habe alles gelebt – Peggy Guggenheim
Ich weiß warum der gefangene Vogel singt – Maya Angelou
Was für immer mir gehört – Maya Angelou
Never grow up – Jackie Chan
Im Keller – Reemtsma
Bot – Clemens Setz

Vielen Dank für eure Buchempfehlungen, Kommentare und euer Interesse! In der nächsten Woche geht es dann weiter mit dem Thema Kurzgeschichten. Da habe ich für euch einige Erzählbände, eine ganz neue Zeitschrift für Kurzgeschichten und sogar eine Live-Autorenlesung am Start. ☺️ 🎉

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