Themenwoche

Themenwoche Kurzgeschichten

Herzlich Willkommen zur neuen Themenwoche! In dieser Woche dreht sich alles um das Thema Kurzgeschichten. Im Laufe der Woche erzähle euch etwas zur Entwicklung der Kurzgeschichte, ihren Merkmalen und wie man sie von anderen Formen abgrenzen kann (was nicht immer so einfach und eindeutig ist).

Oben seht ihr das literaturwissenschaftliches Buch “Die Deutsche Kurzgeschichte” von der Professorin Leonie Marx, das mit 225 Seiten einen sehr umfassenden Überblick über das Thema gibt und mit dem ich mich größtenteils auf die Themenwoche vorbereitet habe.

Die Entwicklung der Kurzgeschichte
Im deutschsprachigen Raum tauchte das Wort “Kurzgeschichte” zum ersten Mal 1895 in der Sammlung “Am Seelentelefon. Neue Kurzgeschichten” von Karl Pröll auf. Die angloamerikanische “Short Story”, die insbesondere in Zeitschriften und Magazinen Anklang fanden, hatte auch einen Einfluss auf die parallele Entwicklung in Deutschland.

Um 1900 gab es allerdings noch eine große Verwirrung und die Definition des Wortes “Kurzgeschichte”, die sich erst einmal ihren Weg in die Literaturtheorie schaffen musste. So wurde sie zum Beispiel dem Genre der Anekdote als “kleine (oft anekdotische) Handlung” (Wiegand, 1922) oder hingegen dem Bereich des Romans als “5-Minuten-Roman” (Rockenbach, 1926) zugeordnet. Grolemann bezeichnete die Kurzgeschichte 1929 abwertend als “amerikanisch-naiv” im Vergleich zur künstlerisch höheren Novelle. Aber auch hier gab es wiederum Gegenmeinungen, 1933 wurde sie von Halm als selbständige Kunstform definiert.

Das Entscheidende hier ist wohl zu begreifen, dass Erzählformen wie die Kurzgeschichte nicht schon immer da waren und von Anfang an einer klaren und trennschaften Definition unterlagen, sondern dass diese Erzählformen sich durch die Produktion von literarischen Texten erst selbst erschaffen hat und stetig im Wandel ist. Erst war das Schreiben und das Lesen und dann die Wissenschaft, die versucht, die Texte in Kategorien zu fassen.

Weiter unten stelle ich euch einige typische Merkmale von Kurzgeschichten vor, aber auch hier muss man im Hinterkopf behalten, dass diese Merkmale wandelbar sind und sich den geschriebenen Texten anpassen, nicht umgekehrt.

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt

„Ein Golfplatzhotel verspricht all you need, und wir wollen nichts mehr.“ – Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt

Kennt ihr Karen Köhlers Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“? Wenn nicht, empfehle ich euch dieses Kaleidoskop aus Momentaufnahmen wärmstens, aber mit einer Warnung: Die Kurzgeschichten sind schön, aber auch traurig, hart und schwer zu verdauen. Karen Köhler legt den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft und schreibt über die tiefen Momente, die uns aus unserem Alltag herausreißen.

In „Il Commandante begegnet eine verzweifelte Krebspatientin einem Eisbecher-essenden, lebensfrohen Opa und fasst neuen Lebensmut, in „Starcode Red“ verzweifelt eine Angestellte eines Kreuzfahrtdampfers vor Liebeskummer. Geschichten voller Verlust, Diskriminierung, Sexismus und Rassismus verpackt in Momentaufnahmen des Alltags. Karen Köhler verwebt Alltägliches mit Grauenhaftem und schafft so ein Werk, das uns alle betrifft.

DREIZEHNTE POSTKARTE
ABGESTEMPELT AM 9. JULI IN SCALEA, PROVINZ COSENZA, ITALIEN

Man hat mir meinen Rucksack geklaut.
Und irgendwie ist´s nicht mal schlimm.
Sorge dich nicht.

Erleichtert,
Polar

aus der Kurzgeschichte “Polarkreis”, Karen Köhler

Eine Merkmalssammlung der Kurzgeschichte

Zuerst einmal gibt es nicht DIE Kurzgeschichte und es gibt auch nicht DIE Merkmale, die alle Kurzgeschichten vereinen (bis auf die Kürze). Meine Sammlung versteht sich also als eine offene Liste von Merkmalen, die man häufig, aber nicht immer in Gänze und Umfang bei allen Kurzgeschichten antreffen kann. Meine Informationen basieren zum großen Teil auf dem literaturwissenschaftlichen Werk „Die deutsche Kurzgeschichte“ von Leonie Marx und meinen eigenen Eindrücken und Interpretationen.

Kürze und Verdichtung

Das entscheidende Merkmal von Kurzgeschichten ist wohl ihre Kürze und dieser Punkt wirkt sich nicht nur auf die Länge der Geschichte, sondern auch auf ihren Inhalt und ihre Gestaltung aus. Auf wenigen Seiten muss alles drinstecken, es wird verdichtet und verkürzt, was dazu führt, dass der Lesende oft mit erhöhter Aufmerksamkeit lesen muss. Ebenfalls verzichtet man häufig auf ausschweifende Einleitungen, der Lesende wird meist direkt mit dem ersten Satz in ein laufendes Geschehen hineinbefördert. Die Kürze entspricht unserer heutigen technologisierten und digitalen Welt, in der alles beschleunigt ist, wir häufig weniger Zeit haben und uns auf vieles gleichzeitig konzentrieren müssen. Dadurch wächst der Wunsch bei vielen Lesenden nach kleineren Leseformaten wie der Kurzgeschichte.

Suggestivbedeutungen

Man hat bei Kurzgeschichten oft einfach keinen Platz, eine Thematik in all seinen Einzelheiten zu beleuchten, weshalb es in Kurzgeschichten häufig zum „pars pro toto“-Effekt kommt, was bedeutet, dass man einen kleinen Teil als Stellvertreter für ein viel größeres Thema benutzt. Oft sind es einzelne Gesten oder Gegenstände, denen ein höheres Gewicht, eine Symbolhaftigkeit beiwohnt. Die Kurzgeschichte arbeitet also oft mit Unterschwelligem und suggestiven Bedeutungen, was ebenfalls dazu führt, dass der Lesende eine höhere Aufmerksamkeit beim Lesen anwenden muss, um diese unterschwelligen Symboliken zu finden. So steht ein nicht gegessener Müsliriegel in Karen Köhlers Kurzgeschichte “Wild ist scheu” stellvertretend für das komplette Gewinnen oder Scheitern eines Lebens ohne Abhängigkeit von der Gesellschaft, welche wiederum durch ein bösartiges Rudel Wölfe dargestellt wird. Man braucht vielleicht manchmal Zeit, um über bestimmte Bedeutungen nachzudenken, aber es lohnt sich oft…

Unterbrechung der Alltäglichkeit

Inhaltlich bewegen wir uns in Kurzgeschichten häufig im Bereich der Alltäglichkeit, die oft durch einen Vorfall, einen Zufall oder ein Ereignis unterbrochen wird. Dabei muss dieses Ereignis nicht groß oder dramatisch sein, aber es hat oft für die handelnde Figur eine entscheidende Bedeutung, was diesem Ereignis Wichtigkeit verleiht. Leonie Marx nennt es das „Spannungsverhältnis zwischen Alltäglichem und Besonderem“ (Die Deutsche Kurzgeschichte, S. 58), das sich besonders oft in Kurzgeschichten entfaltet.

Realitätsnahes (Un-)Ende

Oft fehlen Erklärungen, es gibt keine Auflösung des Problems und damit kein wirkliches Ende der Geschichte. Dies lehnt sich oft an unsere eigene Wirklichkeitserfahrung an, denn in der Realität gibt es ebenfalls selten ein abschließendes Ende, die Grenzen unserer eigenen Geschichten sind fließend. Es geht bei Kurzgeschichten häufig auch nicht darum, einen bestimmten Konflikt zu lösen, sondern eher um den Aufbau, die Entstehung und die Dynamik dieses Konflikts. Wir betrachten ihn und müssen als Lesende selbst über mögliche Lösungen nachdenken.

Figurenenthüllung

Auch bei den Figuren gibt es Unterschiede im Vergleich zum deutlich längeren Roman, was ebenfalls auch die Kürze zurückzuführen ist: Zum einen gibt es deutlich weniger Figuren, zum anderen entwickeln sich die Figuren in der Kurzgeschichte häufig nicht weiter, wie es in Romanen oft der Fall ist. Sie werden lediglich dargestellt in ihrer aktuellen Situation und enthüllt in ihrem Denken und Tun. Eine Kurzgeschichte will aber eben auch kein kurzer Roman sein, er hat nicht die Figurenentwicklung im Fokus, sondern zeigt Momentaufnahmen, deckt Zustände auf und lässt dem Lesenden allgemein einen sehr großen Interpretationsspielraum.

Experimentelles Schreiben

Eine Kurzgeschichte bietet viel mehr Platz zum Experimentieren und Ausprobieren, denn durch ihre Kürze sind sie deutlich schneller geschrieben als beispielsweise ein ganzer Roman. Hier kann man verschiedene Erzählstile und Themen ausprobieren. So besteht Karen Köhlers Kurzgeschichte „Polarkreis“ zum Beispiel nur aus Briefen und Postkarten an eine nicht antwortende und dem Lesenden unbekannte Person.

Martin Knuth: Zwischenhalt Erde

„Klingeling machte es hinter ihm und Elmar sprang erschrocken beiseite. Ein Mann fuhr auf einem silbernen Einrad vorbei. Elmar spürte die Wut in sich aufsteigen. Nicht nur trug der Einradfahrer einen Helm und Fahrradhosen mit Einlage, nein er hatte auch, statt zu klingeln, nur klingeling gerufen, als wäre das alles hier ein großer Spaß.“

_____Martin Knuth: Zwischenhalt Erde

Weiter geht es mit unserer Themenwoche Kurzgeschichten. Ein besonderes Merkmal der Kurzgeschichte ist die Unterbrechung der Alltäglichkeit: Inhaltlich bewegen wir uns in Kurzgeschichten häufig im Bereich der Alltäglichkeit, die oft durch einen Vorfall, Zufall oder ein Ereignis unterbrochen wird. Dabei muss dieses Ereignis nicht groß oder dramatisch sein, aber es hat oft für die handelnde Figur eine entscheidende Bedeutung, was diesem Ereignis Wichtigkeit verleiht.

Besonders viele dieser alltäglichen Unterbrechungen finden sich in Martin Knuths Kurzgeschichtensammlung „Zwischenhalt Erde“. Schauen wir uns die Kurzgeschichte „Südlich der Katalaunischen Felder“ genauer an: Der Schriftsteller Elmar müht sich mit seinem Roman ab und findet einfach keine Inspiration. Bei einem Spaziergang durch den Wald hat er nun scheinbar endlich den perfekten Platz für sein literarischen Schaffen gefunden (und hofft, dass die Bäume sein „Sprachzentrum“ aktivieren).

„Elmar war begeistert. Dies hier war der passende Ort für einen Schriftsteller. Er spürte, wie sich mit jedem Schritt das Wirrwarr in seinem Kopf ein bisschen mehr löste. Der Boden war weich und hell, ein zarter Geruch nach Pilzen hing in der Luft. Und diese Ruhe.“

„Klingeling…“ – macht es und ein vorbeifahrender Einradfahrer raubt ihm den letzten Nerv. Mit feinem Humor und scharfen zwischenmenschlichen Beobachtungen schafft Martin Knuth in seinem Erzählband „Zwischenhalt Erde“ ein buntes Poesiealbum an Alltäglichem aus der Perspektive des Besonderen.

Insta-Live Lesung und Gespräch mit Martin Knuth: Samstag, 06.02. um 16 Uhr

Der Autor und Literaturstipendiat Martin Knuth liest am Samstag um 16 Uhr live auf Instagram für uns aus „Zwischenhalt Erde“. Anschließend spreche ich mit Martin bei einer entspannten Tasse Kaffee über seine Geschichten, das Schreiben und dies und das.

DAS GRAMM, 22Gramm Andersartigkeit

“Ich will doch nur die Übungen mitmachen.”

DAS GRAMM wiegt nur wenige Gramm, ist 10*14cm groß und besteht aus nur einer Kurzgeschichte.

Minimalistisch in Inhalt und Design holt es viele Menschen aus dem Alltag, in dem heute vieles so beschleunigt und verdichtet ist, Multitasking und nie enden wollende Aufgaben inklusive.

Eine Kaffeepause – viel länger braucht man nicht zum Lesen einer Kurzgeschichte. Sie bietet Anlass zum Innehalten, Literatur im kleinen Format, aber nicht weniger anspruchsvoll. Im Gegenteil, bereits die erste Ausgabe “Die Übungen” von Clemens J. Setz hat es in sich: Eine junge Frau möchte mit ihrem Partner bei der Schwangerschaftsgymnastik mitmachen, obwohl sie ganz offensichtlich nicht schwanger ist. Dies ignoriert sie aber vollkommen und zieht so nicht unbedingt die Gemüter der anderen Kursteilnehmer*innen auf sich…

Die Kurzgeschichte hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Man versucht, in den Kopf der jungen Frau einzutauchen und ihre Motive zu verstehen, aber man dringt nicht zu ihr durch. Es kommt hier wohl nicht so sehr auf das an, was gesagt wurde, sondern auf das, was unausgesprochen bleibt.

Das war die allererste Ausgabe von DAS GRAMM. Die Zeitschrift ist meines Wissens nach die erste Zeitschrift, die sich auf das Abdrucken von wirklich nur einer Kurzgeschichte beschränkt und dieser minimalistische Gedanke ist meiner Meinung nach die große Stärke dieses Formats und entspricht genau dem Geist der Kurzgeschichte. Man kann übrigens auch selbst ein Manuskript für eine Kurzgeschichte einsenden!

Nach der Kurzgeschichte habe ich übrigens großen Redebedarf, also falls jemand von euch die Kurzgeschichte ebenfalls gelesen habt, dann meldet euch gerne bei mir! ☺️

“Ich will doch nur die Übungen mitmachen.”
DAS GRAMM, 22Gramm Andersartigkeit

Hier gehts zur Webseite von DAS GRAMM
Die Zeitschrift kann als Jahresabo mit 6 Ausgaben (jeden zweiten Monat eine) für 24 Euro im Jahr abonniert werden.

Geschichten in Geschichten… Daniel Kehlmann: Ruhm

“Wir sind immer in Geschichten. […] Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.”

Daniel Kehlmann, Ruhm

Zum Abschluss der Themenwoche möchte ich euch gerne eine ganz besondere Kurzgeschichtensammlung vorstellen: Ruhm von Daniel Kehlmann ist ein Roman in neun Geschichten.

Ähm, Roman? Neun Geschichten? Was denn nun? Tja, das ist genau die Frage und das Besondere an diesem Buch. Wenn man anfängt zu lesen, lernt man erstmal einige Figuren kennen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, aber je mehr Kurzgeschichten man liest, umso klarer sieht man die feinen Fäden, an denen die Geschichten miteinander verbunden sind.

“Geschichten in Geschichten in Geschichten”… Eine Sammlung von Kurzgeschichten, erzählt aus verschiedenen Perspektiven und auf verschiedenen Erzählebenen, die zusammen mehr ergeben als ihre Teile.

Noch ein Tipp für alle, die gerne selbst schreiben oder sich mal an einer Kurzgeschichte probieren möchten: Noch bis zum 27.02. kann man sich bei “Prosa ist innen” mit einer Kurzgeschichte für ihr bald ganz neu erscheinendes Magazin introspektiv bewerben!
Schreibt jemand von euch? ☺️

Das wars mit meiner Themenwoche Kurzgeschichten! Ich hoffe, sie hat euch gefallen. Alle Themenwochen findet ihr auch hinterher noch als Album zusammengefasst auf meinem Blog.

Nächste Woche werde ich erstmal einige Bücher lesen, aber übernächste Woche geht es dann weiter mit der Themenwoche “Überwachungsdystopien”. Big Brother is watching you… 👀

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