In den letzten ein bis zwei Jahren hat sich meine Arbeit als Lektorin deutlich verändert, und zwar auf eine Weise, die ich vorher nicht erwartet hätte. Während früher ein großer Teil meiner Arbeit darin bestand, Rechtschreibung, Grammatik und systematische Fehlerquellen auszubessern, erlebe ich heute einen deutlichen Wandel in dem, was Studierende abgeben und welche Art von Unterstützung sie brauchen.
Früher waren pro Seite fünf bis zehn Fehler ganz normal. Typische Baustellen waren systematische Kommafehler bei Nebensätzen, Unsicherheiten bei der Groß- und Kleinschreibung, falsche Bezüge oder wiederkehrende Grammatikmuster. Ich habe diese systematischen Fehler damals auch immer am Ende in einer kleinen Analyse zusammengefasst, damit Studierende aus der Korrektur etwas mitnehmen konnten und wussten, worauf sie in Zukunft gezielt achten sollten. Das war ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit: nicht nur korrigieren, sondern auch Lernimpulse setzen.

So verändert KI die Texte, die ich lese
Heute ist das völlig anders. Ich bekomme Texte, die kaum noch klassische Korrekturarbeit benötigen. Viele Arbeiten sind sprachlich sauber, fehlerfrei oder nahezu fehlerfrei. Systematische Rechtschreib- oder Grammatikprobleme sehe ich nur noch selten – und das ist für mich ein klarer Hinweis darauf, dass KI-Tools inzwischen stark genutzt werden, sei es für die Schreibphase oder für den abschließenden Feinschliff. Das ist nicht negativ gemeint, sondern schlicht eine Beobachtung: Die sprachliche Oberfläche ist glatter geworden.
Wo ich strukturelle Herausforderungen sehe
Aber während die sprachliche Ebene professioneller wirkt, verschieben sich die Probleme an eine andere Stelle. Was inzwischen deutlich stärker auffällt als früher, sind strukturelle und inhaltliche Schwächen:
- Kapitel ohne klaren roten Faden, ohne erkennbare funktionale Verbindung zu den vorherigen oder folgenden Abschnitten.
- Verwechslungen zwischen Theorie- und Ergebnisteil: sprachlich klingt ein Abschnitt plötzlich nach eigenen Forschungsergebnissen, obwohl er eigentlich eine theoretische Zusammenfassung bestehender Literatur sein sollte, inklusive Quellen am Absatzende, die dann aber wieder nicht zum Stil passen.
- Bruchstücke gut formulierter Sätze, die aber inhaltlich nicht logisch miteinander verbunden sind.
- Abschnittsfolgen, die wie aneinandergereihte Einzelmodule wirken, nicht wie eine aus Gedanken heraus entwickelte Argumentation.
- Ein wissenschaftlicher Sprachstil, der übernommen wurde, aber kein echtes inhaltliches Verständnis transportiert.
In vielen Fällen wirkt die Sprache deutlich akademischer als früher — präzise, elaboriert, wissenschaftlich — aber der Text als Ganzes verliert an Klarheit, Logik oder Nachvollziehbarkeit.
KI kann, richtig genutzt, ein wertvoller Sparring-Partner für Studierende sein. Wer intensiv mit KI-Tools arbeitet, kommt automatisch stärker mit akademischer Ausdrucksweise in Berührung. Wenn man stundenlang mit einem Sprachmodell über das eigene Thema schreibt, liest man zwangsläufig viele wissenschaftlich formulierte Passagen. Ähnlich wie beim Lesen hochwertiger Texte entwickelt man so ein Gespür für Stil, Ausdruck und komplexe Satzstrukturen. In dieser Hinsicht kann KI zudem unterstützend wirken: Sie hilft, Texte auf einem höheren sprachlichen Niveau zu formulieren, erleichtert die Entwicklung schwieriger Argumentationen und liefert Anregungen für den eigenen Schreibprozess.
Problematisch wird es dort, wo das inhaltliche Fundament fehlt: wenn man die KI als Ersatz für ein eigenes Text- oder Literaturverständnis nutzt. Wer Textpassagen generieren oder zusammenfassen lässt, ohne die Inhalte sorgfältig gegenzulesen oder die Quellen nachzuprüfen, läuft Gefahr, Fehler zu übernehmen. Manche Zusammenfassungen funktionieren gut, aber manche sind ungenau, verkürzt oder missverständlich. Und nicht alle angegebenen Quellen sind tatsächlich korrekt, manche sind falsch zitiert, manche sind verzerrt dargestellt, manche existieren schlicht nicht. Wer das nicht überprüft, merkt es nicht.
Das bedeutet: Wenn man KI nutzt, muss man auf einer höheren Ebene sorgfältiger arbeiten als zuvor, nicht weniger sorgfältig. Man braucht ein eigenes Verständnis des Themas, um zu erkennen, ob eine KI-Antwort sinnvoll ist. Man muss verstehen, wie wissenschaftliche Texte aufgebaut sind, die Inhalte wirklich einordnen können und selbst reflektieren, ob die Argumentation logisch und nachvollziehbar ist. KI kann dabei als hilfreicher Partner dienen, ersetzt aber nicht das eigene Denken, die inhaltliche Expertise oder das Verständnis für wissenschaftliches Arbeiten. Wer diese Kompetenzen bewusst entwickelt, kann die Vorteile der KI nutzen, ohne ihre Risiken zu übersehen.
Für meine Arbeit heißt das:
- Das klassische Korrektorat wird weniger relevant.
- Viel bedeutsamer ist inzwischen die Strukturberatung: roter Faden, funktionaler Aufbau, klare Trennung von Theorie, Methode und Ergebnissen.
- Ich kommentiere heute viel häufiger ganze Abschnitte oder Kapitel, statt einzelne Wörter oder Sätze.
- Ich kläre logische Brüche, fehlende Verbindungen und Unstimmigkeiten in der Argumentation.
- Das Lektorat hat sich von der sprachlichen Mikroebene auf die inhaltlich-strukturelle Makroebene verlagert.
Und gleichzeitig sehe ich noch etwas anderes:
Es ist positiv, dass die Studierenden trotz KI überhaupt noch ein Lektorat in Anspruch nehmen.
Das zeigt mir, dass viele durchaus ein Bewusstsein dafür haben, dass Sprache allein nicht reicht und dass sie sich bei Struktur, Inhalt oder wissenschaftlichem Arbeiten unsicher sind. Dieses Bewusstsein ist wichtig — und es zeigt, dass KI meine Arbeit nicht ersetzt. Im Gegenteil: Sie verschiebt sie auf eine Ebene, auf der menschliches Verständnis, Erfahrung und Textgefühl weiterhin unverzichtbar sind.
Für mich persönlich ist das eine positive Entwicklung:
Ich kann mich heute viel stärker auf Tiefenstruktur, Argumentation und Kohärenz konzentrieren — Bereiche, in denen ich wirklich etwas beitragen kann und die Studierenden deutlich weiterhelfen.
Gleichzeitig empfinde ich es aber auch als kritisch,
wenn KI genutzt wird, ohne dass Studierende die Inhalte hinterfragen oder prüfen. Gerade bei komplexen Themen entsteht ansonsten schnell ein Text, der zwar „richtig“ klingt, aber nicht richtig gedacht ist.
Unterm Strich beobachte ich für mich:
Die Probleme befinden sich heute weniger „in den Sätzen“, sondern „zwischen den Sätzen“. Und genau dort braucht es weiterhin menschliche Unterstützung.
Ich freue mich sehr auf Austausch und deine Perspektive:
Wie erlebst du die Auswirkungen von KI auf das Schreiben, Lernen oder Arbeiten? Nutzt du KI selbst? Und wenn ja, wie? Was fällt dir dabei auf, wo es hilfreich ist und wo vielleicht kritisch?
Mich interessiert besonders, ob du ähnliche Veränderungen beobachtest wie ich, oder ob deine Erfahrungen anders aussehen. Ich bin gespannt auf deine Gedanken und freue mich auf den Austausch!