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Christmas is coming: Endlich Zeit für dicke Schmöker – meine Buchempfehlungen für die Feiertage

Die Weihnachtsfeiertage werden für mich dieses Jahr definitiv ruhiger als sonst. Keine Verwandten- und Freundschaftsbesuche, nur ein Fest im kleinsten Familienkreis. Das Positive: Mehr Zeit zum Erholen und Entspannen – den Stress der letzten Wochen abschütteln… UND: Endlich einmal Zeit für einen dicken Schmökerroman!

Für die anstehenden Feiertage habe ich euch deshalb drei Last-Minute-Buchtipps von mir mitgebracht (informiert euch doch mal bei eurem lokalen Buchhändler, viele bieten momentan einen Abhol- oder Bringservice an und freuen sich über Unterstützung!). Wer mich kennt und mir schon länger auf Instagram folgt, der weiß, dass ich Romane mit einer Prise (oder zwei) Gesellschaftskritik liebe und da werdet ihr auch bei diesen drei Romanempfehlungen von mir fündig werden. Ansonsten sind die Themen und Stile der Romane sehr unterschiedlich, sodass hoffentlich für jede*n was dabei ist.

#1 Die geheime Mission des Kardinals – Rafik Schami:

Ein Roman, für den man sich Zeit nehmen muss, der sich dann aber in seiner ganzen sprachlichen Gestaltung entfaltet.

“Glaube versetzt selten Berge, Aberglaube immer ganze Völker.” So lautet Rafik Schamis Vorwort zum Buch und treffender hätte der Autor seinen Roman “Die geheime Mission des Kardinals” wohl kaum beschreiben können. Ein Kriminalroman, der gleichzeitig aber so viel mehr bietet. Aber erstmal zum Inhalt: Die Leiche eines italienischen Kardinals wird in einem Ölfass der italienischen Botschaft in Syrien geliefert. Kommissar Barudi steht vor einem Rätsel. Welche Mission hatte der Kardinal in Syrien? Warum wurde er ermordet? Aber nicht nur der Fall bereitet Barudi Probleme, auch der syrische Geheimdienst scheint überall seine Finger im Spiel zu haben.

Das Buch ist kein reiner Kriminalroman, sondern auch ein kritischer Gesellschaftsroman, der sich viel mit der Machtausübung und Zensur des Staates auseinandersetzt und gleichzeitig einen kritischen Blick auf die Mentalität in der Bevölkerung wirft: “Irgendwas ist in uns kaputtgegangen. Wie traurig mich der Anblick der Menschen und Städte macht! Lustlosigkeit ist das Wort, das mir in den Sinn kommt, wenn ich sie sehe.”, schreibt Kommissar Buradi in seinem Tagebuch, welches er vor den Spitzeln des Geheimdienstes versteckt.
Zahlreiche Anekdoten und kleine Geschichten über Nachbarn, Bekannte und Arbeitskollegen schmücken den Roman reichlich aus. Diese sprachlich sehr gelungenen kleinen Erzählungen innerhalb der Geschichte laden zum Verweilen und Nachdenken ein. Durch die doch etwas ausschweifenden Tagebucheinträge zog sich die Handlung im Mittelteil für mich allerdings etwas zulasten der Handlung, was aber mein einziger Kritikpunkt ist.

Meine Empfehlung #1: Die geheime Mission des Kardinals – Rafik Schami

Ein Roman, für den man sich Zeit nehmen muss, der sich dann aber in seiner ganzen sprachlichen Gestaltung entfaltet – stilschön und tiefgehend!

#2 Unterleuten – Juli Zeh:

Das (nicht ganz so idyllische) Dorfleben im Brennglas…

“Obwohl Unterleuten keine hundert Kilometer von Berlin entfernt lag, hätte es sich in sozialanthropologischer Hinsicht genauso gut auf der anderen Seite des Planeten befinden können. Unbemerkt von Politik, Presse und Wissenschaft existierte hier eine halb-anarchische, fast komplett auf sich gestellte Lebensform, eine Art vorstaatlicher Tauschgesellschaft, unfreiwillig subversiv, fernab vom Zugriff des Staates, vergessen, missachtet und deshalb auf seltsame Weise frei. Ein gesellschaftstheoretisches, nein, gesellschaftspraktisches Paralleluniversum. Geld spielte eine geringere Rolle als die Frage, wer wem einen Gefallen schuldete. Um in diesem System etwas zu bewegen, musste man Teil des Systems werden.”


Man nehme also ein solches Dorf und gebe hinzu den Bau eines Windparks sowie eine große Ladung Geld für denjenigen, auf dessen Grundstück die Windanlage gebaut werden darf und erhalte – wenn man mit den vortrefflichen Schreibkünsten Juli Zehs gesegnet ist – eine gepfefferte Portion Gesellschaftsroman mit brodelnden Thrillerbeilagen und einem bittersüßen Nachgang!

Ein Roman, den ich definitiv zu den besten Büchern zähle, die ich je gelesen habe. Man betrachtet das Dorf wie durch die Vergrößerung eines Brennglases: Eine Welt, so gut wie abgeschlossen von der Umgebung unter der Lupe. Hier kann man ein eigenes System, das Dorf, mit all seinen Verstrickungen und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge im Kleinen beobachten, die man auch im Großen überall auf der Welt finden wird.

Meine Empfehlung #2: Unterleuten – Juli Zeh

Ein Roman über die Fallstricke und Zusammenhänger einer Gesellschaft im Brennglas – genial verwoben und unterhaltsam!

#3 Tyll – Daniel Kehlmann:

Ein Roman, der sich selbst im Narrenkostüm zeigt und dem Leser*in auf kuriose Weise vor Augen führt, dass Wahrheit immer mehrere Gesichter hat.

“Zweifelnd blickte der König den Narren an. Die spitzen Lippen, das dünne Kinn, das gescheckte Wams, die Kappe aus Kälberfell; einmal hatte er ihn gefragt, warum er diesen Aufzug trage, ob er sich wohl als Tier verkleiden wolle, worauf der Narr geantwortet hatte: ‘Oh nein, als Mensch!'”

In seinem schelmenhaften Roman “Tyll” versetzt Daniel Kehlmann die berühmte Narrenfigur Till Eulenspiegel aus dem 14. Jahrhundert in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges dreihundert Jahre später. In acht Kapiteln betrachten wir das Leben des Gauklers und vor allem das Leben der Menschen um ihn herum, denn als Narr hält er ihnen den (Eulen-)Spiegel vors Gesicht und zeigt ihnen so ihr tiefstes Inneres.

“‘Ich bin eine Königin.’
Da lachte er hämisch und sie musste schlucken und die Tränen zurückdrängen und sich daran erinnern, dass genau das seine Aufgabe war: Ihr zu sagen, was kein anderer zu sagen wagte. Deshalb hatte man Narren.”

Zeitsprünge und Perspektivwechsel sorgen für Dynamik im Roman und halten uns vor Augen, wie subjektiv Geschichte sein kann: Ein Graf auf der Suche nach Tyll schreibt 50 Jahre später seine Memoiren, doch kann er seine Kriegserlebnisse nicht in Worte fassen und schreibt kurzerhand eine Passage aus Grimmelshausens Simplicissimus (berühmter Schelmenroman) ab:

“Was der dicke Graf nicht wissen konnte, war aber, dass Grimmelshausen die Schlacht von Wittstock zwar selbst erlebt, aber ebenfalls nicht hatte beschreiben können und stattdessen die Sätze eines von Martin Opitz übersetzten englischen Romans gestohlen hatte, dessen Autor nie im Leben bei einer Schlacht dabei gewesen war.”

Meine Empfehlung #3: Tyll -Daniel Kehlmann

Ein Roman im Narrenkostüm, der zeigt, dass Wahrheit nicht nur ein Gesicht hat – toll konstruiert!

Ich wünsche euch schöne Weihnachtstage und viel Zeit für gute Bücher! Schreibt gerne in die Kommentare, welches Buch euch anspricht und ob ihr es lesen werdet oder schon gelesen habt.

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